Predigt zum drittletzten Sonntag im Kirchenjahr am 09.11.2025 anlässlich des Themengottesdienstes"Zurück zur Verantwortung"

gehalten von Leonhard Jungwirth

 

Zwischen den Namen – The Fallen Leaves

Wenn im Herbst die Blätter fallen, verändert sich das Licht.

Die Sonne steht tiefer, die Schatten werden länger, und selbst die Luft riecht anders … nach Vergänglichkeit… vielleicht auch nach Abschied…

„The fallen leaves drift by my window…“ – so beginnt ein altes Lied des afroamerikanischen Jazz-Sängers Nat King Cole. Ein Liebeslied, ein Lied vom Erinnern. Ein Lied, das davon erzählt, dass man die Geliebten gerade dann am meisten vermisst, wenn die Blätter im Herbst zu fallen beginnen: And I miss you most of all, my darling, when autumn leaves start to fall…

The fallen leaves. Heute, in diesen Tagen des Herbstlichts, stehen auch wir unter solchen fallenden Blättern. Allerheiligen, Allerseelen, Ewigkeitssonntag oder in Österreich auch der Nationalfeiertag … Den Kirchen, der Politik, Vereinen wie dem Schwarzen Kreuz oder dem Österreichischen Kameradschaftsbund geben diese Herbsttage Anlass zum Gedenken an Verstorbene, an geliebte Menschen – an Gefallene, an Vermisste. Kerzen werden auf Gräber gestellt, Kränze an Denkmälern abgelegt. Und dabei wird bedacht: Nicht jedes gefallene Blatt ist vom Wind sanft zu Boden getragen worden. So manches Blatt wurde abgerissen, entwurzelt, verbrannt. Manche Namen sind verweht, andere ausgelöscht. Tod und auch das Töten waren damals – wie auch heute – allgegenwärtig. // Mancherorts sind Schrecken und Trauer noch frisch; … an anderen Orten verblasst bereits die Erinnerung.


The fallen leaves – trotz lange eingeübter und noch immer gepflegter Feldgottesdienste und Fahnenweiherituale entschwindet der Gefallene – der im Krieg zu Tode gekommene oder an der Front verschollene Soldat – zunehmend der Erinnerung. Das hat zunächst einmal, so denke ich, v. a. auch eine positive Seite, zeigt es doch, wie lange wir hier in diesem Land nun schon in Frieden leben dürfen. Dass das freilich nicht immer so war, erzählen uns – neben einem Blick über unsere Grenzen – tausende von Krieger- und Gefallenendenkmälern, in Städten, in Dörfern, auf Friedhöfen und in Kirchen. Ein Meer aus Kerzen, weinende
Menschen vor den Gedenktafeln an die Gefallenen – so hat mir meine Mutter, Jahrgang 1957, ihre Erinnerungen an die Allerheiligentage ihrer frühen Kindheit geschildert. Heute, 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, haben die Tafeln, auf denen die Namen der Gefallenen während der Zwischenkriegszeit und in den 1950er Jahren festgehalten wurden, ihre Funktion als Stätten der Trauer wohl schon seit geraumer Zeit verloren. Die Erinnerung an die Toten, an die Menschen hinter den Namen, sie ist verblasst…

Was aber geblieben ist und nach wie vor bleibt, das sind die Inschriften, die Bibelzitate und damit auch die politisch-theologischen Deutungen und Rahmenerzählungen, in die der Krieg, das Töten und der Tod der Soldaten eingebettet wurden: „Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde“; „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die
Krone des Lebens geben“. Erzählungen, mit denen damals das Sterben aufgewertet oder das Töten entschuldet werden sollte. Erzählungen von Helden und von Opfern, von Märtyrern und von Heiligen, vom Sacrificium, vom sacrifice, für Heimat, Volk und Vaterland – die Perspektive der Gedenkenden, fest eingeprägt auf den tausenden Tafeln und Denkmälern, die die österreichische Gedächtnislandschaft durchziehen – sie wirkt nach.

/…/ Macht diese Perspektive, so möchte ich kritisch fragen, es überhaupt noch möglich, ein Gefallenen- oder ein Kriegerdenkmal zum Mahnmal umzudeuten – so, wie es heute etwa auch durch Kirchen nicht selten und durchaus auch engagiert versucht wird?

Während die Tafeln des Ersten Weltkriegs mit ihrer oft kriegsverherrlichenden Rhetorik eine eigene, aus der Zeit gefallene – oder heutzutage leider wieder in die Zeit einfallende – Sprache sprechen, klaffen auf den Tafeln für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs Lücken: unsichtbare, aber doch tiefreichende Lücken zwischen all jenen Namen, die als Opfer des Zweiten Weltkriegs, als Opfer der Jahre 1939 bis 1945 verewigt werden sollten.

Das Gravierende daran: In unseren Kirchenbüchern, in den Büchern der Evangelischen Kirche in Österreich, den Matriken etlicher Pfarrgemeinden, finden sich die Namen – die Namen, die dort, auf den Tafeln, nicht stehen.

Die Namen von Menschen, die einst hier gebetet, gesungen, geglaubt haben. Menschen, die vom Judentum zum Protestantismus konvertiert waren; Menschen mit jüdischen Vorfahren, die in evangelischen Familien groß wurden – und Menschen, die dennoch, 1938, 1939, in den Pfarrämtern als „Sara“ und „Israel“ gekennzeichnet wurden. Als „Juden“. Als Fremde. Als Nicht-mehr-Dazugehörige. // Menschen, die – wie bei einem Forschungsprojekt in der evangelischen Heilandskirche in Graz gezeigt werden konnte – von den Nationalsozialisten auf Grundlage der Nürnberger Rassengesetze als „jüdisch“ definiert, verfolgt und auch ermordet wurden.

Ihre Namen stehen – wie wohl auch die Namen ermordeter homosexueller Menschen, behinderter Menschen, in politischem Widerspruch zum Nationalsozialismus stehender Menschen – in den meisten Pfarrgemeinden nicht auf den Tafeln. Sie sind aus dem Gedenken gefallen – wie Blätter, die der Wind verweht.

Wenn wir heute, 87 Jahre danach, an die Pogromnacht denken – an brennende Synagogen und zerstörte Geschäfte, an Menschen, die gedemütigt, gejagt, ermordet wurden – dann müssen wir bedenken: Die Finsternis damals begann nicht mit Feuer und Gewalt, sondern mit Worten. Mit dem Wegsehen, mit dem Schweigen, mit der Gleichgültigkeit, mit der Angst. Mit dem Ausgrenzen. Ein Ausgrenzen und Wegsehen, das sich bis in die Nachkriegszeit festgesetzt und auf Gefallenengedenktafeln niedergeschlagen hat. Auch in Kirchen, auch in Pfarrgemeinden.

Wenn wir heute, 87 Jahre danach, an die Pogromnacht denken – an Menschen, die in ihrer Heimat plötzlich keine Heimat mehr hatten und in ihrer Heimat um ihr Leben fürchten mussten – dann müssen wir bedenken: Gedenken ist nicht neutral. Wir erinnern nicht nur an Opfer; als Kirche, als evangelische Pfarrgemeinde bekennen wir auch Schuld – Schuld, dass
Menschen, die Christus vertrauten, von anderen, die sich Christen nannten, verraten wurden. Schuld, dass Kirche teilhatte an der systematischen Ausgrenzung, ja an der geistigen Vernichtung von Menschen. Schuld, dass in unseren evangelischen Pfarrgemeinden zu spät hingeschaut, zu wenig widersprochen, zu lange geschwiegen wurde. Schuld, dass den NS-
Verbrechen geistig vorgearbeitet wurde, indem Jüdinnen und Juden als Christusmörder diffamiert wurden und kirchlicher Antijudaismus unwidersprochen blieb, dass Gemeindeglieder, die den „Judenstern“ tragen mussten, offiziell vom Gottesdienst
ausgeschlossen wurden, dass die Psalmen nicht länger gebetet und die Propheten nicht länger gepredigt wurden, dass hebräische Worte und alttestamentliche Motive aus dem Gesangbuch getilgt wurden, dass der Arierparagraph an kirchlichen Haupt- und Nebenamtlichen zur Durchsetzung kam. … Schuld, dass die Namen der Opfer des Nationalsozialismus über viele
Jahrzehnte hinweg – und oft auch bis heute – dem Vergessen anheimfielen.

/…/

Die Schuld der Kirche … manchmal, ja manchmal wird den Kirchen, insbesondere den evangelischen Kirchen vorgeworfen, sie seien „zu schuldbewusst“; als lebten sie in einem endlosen Schuldaffekt, unfähig, die Geschichte loszulassen. …
Doch Gedenken heißt in theologischer Hinsicht nicht, in Schuld zu verharren. Es heißt: die Wahrheit nicht zu verdrängen! Es heißt: Die hellen (durchaus auffindbaren!), aber eben auch die dunklen und dunkelsten Seiten der Geschichte nicht aus dem Blick zu verlieren. Das simul iustus et peccator des christlichen Menschen – sein „gerecht und sündig zugleich“-Sein.

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Gedenken kann zu einem Bekenntnis werden, zu evangelischem Erinnern: Dort, wo ich mich der Wahrheit stelle und Verantwortung übernehme. Dort, wo ich nicht nur erinnere, sondern aus der Erinnerung heraus handle; dort, wo das „sündig und gerecht zugleich“ nicht nur zur Selbstrechtfertigung wird, sondern nach Gerechtigkeit sucht. Zwischen Schuldaffekt und
Schuldbekenntnis liegt somit ein entscheidender Unterschied: Der Affekt bleibt im Gefühl stecken, in der Anklage – das Bekenntnis sucht die Wahrheit. Wenn wir bekennen, dann tun wir das nicht, um uns selbst anzuklagen, sondern um Raum zu schaffen – Raum für Heilung, für Versöhnung, für einen Neuanfang ohne Schlussstrich: „dass Güte und Treue einander
begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue“.
… Zurück zur Verantwortung!

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Und so liegt auch im Bild der verwehten und vergessenen Blätter nicht bloß Trauer und Schuld. Auch hier, in den fallen leaves, liegt Raum für einen Neuanfang. Auch hier begegnet uns der Zuspruch Gottes.

‚Der HERR hat mich verlassen, mein Gott hat mich vergessen‘, so klagte das Volk Israel nach der Zerstörung Jerusalems durch die babylonische Großmacht. Wut und Trauer werfen sie Gott entgegen. /…/ Im Gebet findet die Klage nicht nur ihr Ventil, sondern auch ihren Adressaten. Gott antwortet; und er antwortet aus der Perspektive einer Mutter: „Kann denn eine Frau ihren Säugling vergessen? Hat sie nicht Erbarmen mit dem Kind, das sie im Leib getragen hat? Aber selbst wenn sie es vergessen sollte – ich vergesse dich nicht! Sieh doch: Ich habe dich in meine Hände eingezeichnet; deine Stadtmauern habe ich stets vor Augen.“

/…/

In Gottes Hände eingezeichnet wie mit Henna, in Gottes Herz geschrieben und auf Gottes Haut tätowiert. Die Gesichts- und Charakterzüge der einzelnen Menschen fest im Gedächtnis. Felsenfest, unverbrüchlich gilt Gottes Liebe.

/…/

Wenn die Blätter fallen, höre ich darin nicht nur das Rauschen der Vergänglichkeit und des Abschieds.

Ich höre auch die Verheißung, dass Gott neu wachsen lässt – aus der Asche, aus der Schuld, aus dem Schweigen.

Vielleicht brauchen wir zwischen den Gedenktafeln einen leeren Raum. Einen Ort für die, die fehlen. Einen Ort, an dem wir still werden – und Gott bitten, uns zu erinnern. Denn zwischen den Namen – auch auf den beiden Gefallenengedenktafeln hier in diesem Kirchenraum – zwischen Schuld und Hoffnung, zwischen Herbst und Frühling – da steht in unserem christlichen Gedenken das Kreuz: das Zeichen dafür, dass Gott selbst in den Abgrund hinabsteigt, zu den Ermordeten und den Gefallenen, zu den Vergessenen und Ausgelöschten.

Gott, ja Gott vergisst keine Namen.
Gott sammelt, was wir verloren haben.
Gott erinnert, wo wir verdrängen.
Gott sammelt die Blätter der Geschichte auf, eines nach dem anderen, und spricht:„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“

Amen